Vortragsreihe „INTIME ÖFFENTLICHKEITEN: MEDIEN – RÄUME – GEMEINSCHAFTEN“

Vortragsreihe 2017

PLAKAT-Vortragsreihe-2017

PLAKAT-Vortragsreihe-2017

Di. 28.03. 18h: Oliver Marchart (Uni Wien)
Time Loops and Public Spaces
Kunstuni Linz, Ex-Post-Musik-Raum, Domgasse 1, 4. OG

Mi. 26.04. 18h: Brigitte Weingart (Uni Köln)
„If you like gossip with the gloves off, this one is for you!“ – Zur Zirkulation von Klatsch in Celebrity Cultures
IFK, Reichsratsstraße 17, Wien

Di. 02.05. 18h: Leopold Lippert (Uni Salzburg)
Humor, intime Öffentlichkeiten und die Literatur der Amerikanischen Revolution
IFK, Reichsratsstraße 17, Wien

Di. 30.05. 18h: Heide Schlüpmann (Kinothek Asta Nielsen Frankfurt a.M.) 
Häuslichkeit. Hannah Arendt, der konkrete Raum und das Kino
an der Kunstuni Linz, Ex-Post-Musik-Raum, Domgasse 1, 4. OG

Di. 20.06. 18h: Kai van Eikels (FU Berlin)
Public Lucky Hole
Kepler Salon, Rathausgasse 5, Linz

Mit der Datenüberwachung von Apple & Co. wird einmal mehr die Auflösung der Grenze zwischen öffentlich und privat diagnostiziert. Doch ein Blick auf die alltagskulturellen Praktiken im globalen Nordwesten zeigt, dass diese Grenze seit langem brüchig und durchlässig ist – und neue intime Öffentlichkeiten hervorbringt.

Trauerrituale, Polemik, Klatsch und Faszination, dunkle Clubs und Kinos, Airbnb oder einfach das Lesen von Nachrichten oder Liebesgeschichten – was ist öffentlich, was privat? Ist diese Grenzziehung endgültig obsolet oder dringender denn je? Ist sie grundlegend oder lediglich Effekt anderer, beispielsweise ökonomischer, geschlechtlicher und kultureller Trennlinien? Wie öffentlich und sozial ist das Private? Wie privat sind die Privacy-Einstellungen des Internet-Browsers? Welche Zwischenformen generieren Massenmedien und Celebrity Culture? Welche historischen Fälle können den Blick erweitern? Wie aktuell ist die Losung der Zweiten Frauenbewegung, der zufolge das Private politisch sei?

Eine Veranstaltung der Abteilung für Medientheorien an der Kunstuniversität Linz und des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) in Wien in Kooperation mit dem Forschungsprojekt „Bewegungs-Bilder 2.0“ der VolkswagenStiftung und dem Kepler Salon in Linz.

Konzeption: Dr. Chris Tedjasukmana ist Gastprofessor für Medientheorien an der Kunstuniversität Linz, Ko-Leiter des VW-Forschungsprojekts „Bewegungs-Bilder 2.0“ (FU Berlin), Mitherausgeber der Zeitschrift Montage AV und 2017/18 Gast des Direktors am IFK. 2014 erschien sein Buch Mechanische Verlebendigung. Ästhetische Erfahrung im Kino, im selben Jahr erhielt er den Karsten-Witte-Preis.

Aktuelle Infos, Programm und Termine unter ufg.at und ifk.ac.at


ABSTRACTS:


Di. 28.03. 18h: Oliver Marchart (Uni Wien): TimeLoops and Public Spaces
Die Gegenwart scheint von Horrorclowns beherrscht. Die Vergangenheit – Faschismus, Nationalismus, die Weimarer Republik – ist als Farce zurückgekehrt, während die Zukunft am Ende ist. Lässt sich eine andere Zukunft vorwegnehmen? Der Vortrag stellt die Frage nach dem Verhältnis von Öffentlichkeit und Zeit, nach Stasis, Aufruhr, Paralyse, Präfiguration und der künstlerischen Praxis des Pre-enactments.

Oliver Marchart ist Univ.-Professor für Politische Theorie an der Universität Wien. Zu seinen jüngeren Buchveröffentlichungen zählen: Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben (Berlin: Suhrkamp 2010); Die Prekarisierungsgesellschaft. Prekäre Proteste. Politik und Ökonomie im Zeichen der Prekarisierung (Bielefeld: transcript 2013); Das unmögliche Objekt. Eine postfundamentalistische Theorie der Gesellschaft (Berlin: Suhrkamp 2013) und Conflictual Aesthetics. Artistic Activism and the Public Sphere (Berlin: Sternberg Press, im Erscheinen).


 Mi. 26.04. 18h: Brigitte Weingart (Uni Köln): „If you like gossip with the gloves off, this one is for you!“  Zur Zirkulation von Klatsch in Celebrity Cultures 
Der Vortrag bezieht die Frage nach den „Zwischenformen“ von Intimität und Öffentlichkeit, die in der Vortragsreihe über Intime Öffentlichkeiten gestellt wird, auf Medienkulturen der Berühmtheit. Ausgehend von Beispielen aus Geschichte und Gegenwart des Celebrity Gossip geht es um die konstitutive Beziehung von Klatsch und Berühmtheit – sowie nicht zuletzt um die Besonderheiten, die sich in den affektiven Aushandlungen des Verhältnisses von Celebrities und ihren Followern in den „networked publics“ der Online-Kultur beobachten lassen. 

Brigitte Weingart ist Professorin für Medienkulturwissenschaft an der Universität zu Köln. Zurzeit arbeitet sie an einer Studie zur Genealogie und Medienästhetik der Faszination. Im April erscheint die Zeitschrift für Medienwissenschaft Nr. 17 mit dem Themenschwerpunkt „Celebrity Cultures“, den sie mit Peter Rehberg herausgegeben hat.


Di. 02.05. 18h: Leopold Lippert (Uni Salzburg): Humor, intime Öffentlichkeiten, und die Literatur der Amerikanischen Revolution
In ihrem Buch Über die Revolution attestiert die politische Theoretikerin Hannah Arendt den U.S.-amerikanischen „Gründervätern“ des späten 18. Jahrhunderts Lust und Leidenschaft an der politischen Debatte – eine affektive Haltung, die zentral für ihr Verständnis von Öffentlichkeit wird. Kulturhistorisch betrachtet waren die politischen Auseinandersetzungen der amerikanischen Revolution aber nicht nur lustvoll, sondern auch lustig: Pamphlete, Zeitungsartikel, Dialoge, und „Propagandastücke“ bedienten sich humoristischer Strategien, um eine öffentliche Debatte zu führen. An der Schnittstelle von Affekt und Öffentlichkeit, so soll der Vortrag zeigen, entstand durch solch „revolutionären“ literarischen Humor eine Form öffentlicher Intimität: zwischen Leser*in, Autor*in und politischem Argument.

Leopold Lippert ist Postdoc-Projektmitarbeiter am FWF-Projekt „Gender and Comedy in the Age of the American Revolution“ an der Universität Salzburg, und war zuvor als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Wien und Graz beschäftigt. Er promovierte 2015 an der Universität Wien mit der Arbeit „Performing America Abroad: The Politics of Transnationalism in the Age of Neoliberal Difference“ (ausgezeichnet mit dem „Fulbright Prize in American Studies“). Er ist Mitglied des DFG-Forschungsnetzwerks „Cultural Performance in Transnational American Studies“; Mit-Herausgeber des Bandes „The Politics of Gender in Early American Theater“ (erscheint 2017); und veröffentlichte Aufsätze zu frühem und zeitgenössischem U.S.-Theater,  amerikanischem Fernsehen, transnationalen Kulturprozessen im U.S-Kontext, LGBTIQ*-Kulturen in den USA, sowie zu „cross-racial“ Performances. Er schreibt außerdem regelmäßig beim Theaterportal nachtkritik.de.


Di. 30.05. 18h: Heide Schlüpmann (Kinothek Asta Nielsen Frankfurt a.M.): Häuslichkeit. Hannah Arendt, der konkrete Raum und das Kino / In Kooperation mit der relatifs-Reihe (Karin Harrasser und Anne von der Heiden) an der Kunstuniversität Linz.
In der Öffentlichkeitsdebatte bildete Hannah Arendt eine Ausnahme: als einzige hob sie die Bedeutung des Privatraums neben der Öffentlichkeit und als unerlässlich für deren Wirklichkeit hervor. Darin lag entschieden eine Verbindung der politischen Philosophin zur Frauenbewegung. Das Augenmerk für das Private nahm auch die feministischen Filmkritik auf. Teresa de Lauretis rückte zudem in den Blick, wie sich im Film eine kulturgeschichtliche Konnotation von Raum und Zeit mit der Frau dort, dem Mann hier, wiederholte. Das gibt bei der Verbreitung einer Filmtheorie wie die von Gilles Deleuze, die so sehr auf die Zeit abhebt, zu denken. Womöglich allerdings beruhrt die Konstitution eines ästhetischen Felds insgesamt auf der Verdrängung des Privatraums. In deren Zuge ginge dann auch die Intimität zwischen Film und äußerer Wirklichkeit verloren.

Heide Schlüpmann widmete sich dem Studium der Philosophie in den 60er Jahren, des Kinos seit 1970. Von 1991-2008 betrieb sie Lehre und Forschung der Filmwissenschaft als Kinowissenschaft. Nach der Universität arbeitet sie neben dem Schreiben verstärkt in der Kinothek Asta Nielsen e.V. in Frankfurt am Main mit. Deren Projekt für Herbst 2018 ist das Filmfestival Transito. Elvira Notaris Kino der Passage. 1997 veröffentlichte sie Öffentliche Intimität. Die Theorie im Kino; 2015 erschien Das innere Bild. Zu einem verlorenen Begriff der Seele.


Di. 20.06. 18h: Kai van Eikels (FU Berlin): Public Lucky Hole
Öffentlichkeit ist nicht einfach da, zentral verordnet und administriert durch eine Allianz von Staat, zivilen Institutionen und redaktionellen Medien. Sie kann fehlen, wo sie behauptet wird, und unerwartet entstehen, wo immer Menschen einander in der Distanz von Gleichen adressieren. Michael Warner betont in „Publics and Counterpublics“ die Performativität des Öffentlichen. Exhibitionisten wie athleticpisspig, der auf Straßen und Plätzen dicht bevölkerter Innenstädte allein und mit Partnern ‚Wassersport‘ treibt, um Videos davon online zu stellen, testen diese performative Verfassung. Was erfahren wir aus solchen Aktionen über Strategien im Umgang mit einem löchrigen, aus Distanzen gestrickten Beziehungsgewebe? Worin ist oder wird das öffentliche Rumsauen politisch?

Kai van Eikels ist Philosoph, Theater- und Literaturwissenschaftler und arbeitet an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kollektivformen wie „Schwärme“ oder „Smart Mobs“, Kunst und Arbeit, Performance und Politik. Aktuelle Veröffentlichungen: Die Kunst des Kollektiven (2013), Art works – Ästhetik des Postfordismus (mit dem Netzwerk Kunst + Arbeit, 2015); Szenen des Virtuosen (mit Gabriele Brandstetter und Bettina Brandl-Risi, 2016); Theorie-Blog: https://kunstdeskollektiven.wordpress.com


Der Vortrag von Geert Lovink (Institute of Network Cultures, H.v. Amsterdam) über Social Media und digitale Öffentlichkeiten muss leider verschoben werden.